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Auszug
Vor 15 Jahren haben wir alle neu angefangen. Neu angefangen mit unserem Leben in einem plötzlich anderen Land. Jedoch ohne umzuziehen. Der junge hoffnungsvolle Mensch, in diesem Falle der hoffnungsvolle junge Ostler aus der Lausitz, machte sich daran das zu tun, wovon sie immer schon träumten. Dass es gleich im vielgelobte Westen wär, wo das passieren würde, bis dahin ging die Phantasie bis gestern zwar nicht, aber nun gut. Jetzt war es soweit. „Es war, als hätte jemand die Fenster aufgestoßen“, sagte der Dichter Stefan Heym während der Demo auf dem Alexanderplatz. „Und ist, als wäre uns eine Last von den Schultern genommen“, dachte der gemeine Mann.
Andere riefen: "Wir sind das Volk". Als daraus: "Wir sind ein Volk" wurde, in einem immer lauter werdenden Ton, da gingen die enttäuschten Romantiker. Die jetzt aber ein handfestes Ziel in den Augen ($) hatten, die blieben. Sie bekamen was sie wollten - und wurden, auf traumhaft hohem Weltniveau, bald bitter enttäuscht. Das Brüll- und Stimmvieh. Und andere mischten die Karten.
Das war anders in Muskau? Da mischt man seine Karten noch selbst? Manchmal schon. Besonders wenn man jung ist. Und noch nicht sauer sein muss, wenn die Firma dichtgemacht wird, die des Lebenszwecks Erfüllung auch nie war. Auf zu neuen Ufern! Selbstbestimmung! Selbstverwirklichung! Selbstverwaltung! Selber selbst sein. Selbstfindung - ohne böse Überraschungen? Denn wer wußte schon, wer er war und wohin diese Reise geht? Schön sah es ja aus, das Prospekt der Expedition: „Demokratie“, D-Mark, „Freiheit“ – aber wer würde heute noch ohne zu überlegen sagen: „Ja, ich will gleich, sofort und unbedingt mit!“? Gebt mir die Heuer für das oneway-ticket. Und ab! Probieren geht über Studieren, würde der Muskauer sagen.
Wie immer standen wir im Labyrinth des Lebens. Und wie immer gab kein zurück. Aber wo ging´s lang? Wir hörten die Konjunktive der Romantiker. „Hätte“, „würde“, „könnte“, „wäre“, „sollte“, „müsste“. Zu spät. Zu spät. „Hic Rhodos, hic salto“, sagten die alten Römer. Und anders geht es auch nicht. Hier ist die Rose, hier springe ich. Du kannst eine Chance nur einmal nutzen. Oder du kannst es lassen.
Das „Jugendprojekt im Muskauer Park“ war so eine Chance. Sie hätte auch ungenutzt bleiben können. Wem wär es aufgefallen? „Jugendprojekt“. Hört sich an, als müsste man es nicht ernst nehmen. Hört sich an wie: „Spielplatz“. Hört sich an wie „Pille Palle mit Musik“... Und das vergeht auch wieder.
Also, die jungen Leute saßen in der Orangerie, machten ihre Pläne, stellten sich alles so schön vor - und plötzlich hieß es, hier müsst ihr raus. Wohin? Keine Ahnung. Hauptsache raus. Jetzt könnte man denken mit einem „Jugendprojekt“ kann man so etwas machen.
Gehen die eben woanders hin, mit ihrem „„Jugendprojekt““. Aber plötzlich löckt genau das den Stachel der noch revolutionären Jugend. Die gerade kein willenloser Almosenempfänger war, so wie es sich welterfahrende und nun alles bestimmende Bürger vorstellte. „Pückler über alles“ war die Parole. Pückler, unsere letzte Rettung. Aber auch Pückler bot für seine Pläne den Bauern, die in seinen Sichtachsen und an seinen Horizonten wohnten, Umsiedlungen an. Köbeln, wo es damals stand, z.B., da sollte der Park hin. Also zog Köbeln um. Auf herrschaftliche Nachfrage - und im Tausch gegen einen neuen, vielleicht gleichguten Platz. Auch unsere neuen Herren brauchten, wie die alten ihre, Demo. Hier in Muskau. Darüber hätten sie fast schon wieder lachen können, aber über den Anwalt, der die Rechtmäßigkeit der alten Verträge der Exmittierten darlegt, schon nicht mehr. Also zieht das Jugendprojekt um - in die Turmvilla und in die Villa Caroline. Ehemals Arnimscher Besitz, dann volkseigenes Kurgästehaus, danach Stiftungseigentum. Jetzt gepachtet für 99 Jahre und nicht wiederzuerkennen. Inzwischen ist man froh, daß es so kam. Und: Die Kreatur wird ihre Gründer überleben.
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